IN VIA Augsburg e.V.
Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit
in der Diözese Augsburg

Weihnachtsworte 2021

Liebe Mitglieder, Freunde und Freundinnen von IN VIA Augsburg!

Es ist noch so viel offen – das lässt hoffen!

Für manche mag das zynisch klingen angesichts so vieler Corona-Regelungen, die Zugänge versperren oder nur unter Bedingungen möglich machen.

Ich finde diese Zeile eines Liedes, das ich sehr mag, derzeit sehr herausfordernd. Sie kam mir in den Sinn und regt mich an, nachzudenken wie wir Menschen „so dastehen“ momentan – und zu schauen, worum es denn in dieser Zeit geht.

Wollen Sie sich mit mir einigen Fragestellungen aussetzen?

Das Meinungsspektrum zu politischen und gesellschaftlichen – auch zu religiösen Themen ist breit und weit. Alles scheint es wert zu sein, ausgesprochen, in die Welt gesetzt, in Umlauf gebracht zu werden.

Grenzzäune werden hochgezogen, um die vor Not, Krieg und Elend flüchtenden Menschen abzuhalten. Wehrlose Menschen werden als politische Spielbälle auf schändlichste Weise missbraucht.

Frauen, Männer, Kinder werden ausgebeutet und diskriminiert, leiden unter Hunger, Krankheiten und brutaler Gewalt weltweit!

Die Liste der Grausamkeiten, Widersprüchlichkeiten und der Gleichgültigkeit lässt sich mit den täglichen Nachrichtenmeldungen lange fortsetzen!

Nichts ist offen – nichts lässt hoffen!

In unserem Land erlebten wir die Bildung einer neuen Regierung: Was ist die Basis für verantwortungsvolles Regieren? Nicht nach rechts, nicht nach links, sondern nach vorne solle die Richtung gehen für unser Land. Nächste Frage: Was ist vorne? Und wohin geht es da?

Ist noch so viel offen? Lässt uns etwas hoffen?

Ich erlebe Menschen, die in der ganzen Offenheit Angst haben: Denn wie werden die Weichen gestellt? Wie kann die eigene Existenz menschenwürdig gesichert werden – in finanzieller und sozialer Hinsicht?

Ich stelle fest, vielen macht die Offenheit Angst und Depressionen. Denn es ist keine Offenheit, die Wege zeigt, sondern eine, die mehr verwirrt und Unsicherheit verbreitet.

Woher kommen die Antworten für all die Fragen der Menschen?

Bei den unlösbaren Fragen der Menschheit werden schon seit jeher die Religionen der Welt aufgesucht: Wie kann Frieden gelingen? Woher kommen Zufriedenheit im eigenen Dasein und Gerechtigkeit für alle Menschen? Kann die Liebe unter den Menschen tatsächlich stärker sein als Tod und Brutalität? Wie geht Leben in Würde?

Was Menschen aller Nationen, Kulturen und Religionen im tiefsten verbindet ist die Sehnsucht nach Angenommensein, nach Liebe und Gutsein.

Ist da nicht doch etwas offen und lässt hoffen?

Genau da sehe ich tatsächlich die Chancen: im ehrlichen Suchen von einzelnen Menschen nach Sinn, nach Woher und Wohin, nach einer verlässlichen und heilbringenden Weltordnung. Dieses Suchen ist jedoch oft eher geheim, verborgen – vor allem nicht so laut!

Dieses oft geheime und versteckte Suchen, könnte das nicht den Weg weisen? Das leise Suchen von Menschen, die nicht laut dröhnend daherkommen, sondern sich ehrlichen Fragen stellen, ja sich vielleicht sogar dem Schweigen und der Stille stellen – die es wagen aus dem eigenen Herzen zu beten – könnte das nicht die leise Spur Gottes in unserer Welt sein?

Mir fällt da die Stelle bei Jesaia ein: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.“ Wie aktuell!

Und weiter bei Jesaia: „Denn ein Kind wurde uns geboren …“ (Jes 9 ff)

Haben wir nicht gerade in den Menschen, die durch INVIA begleitet werden, genau dies erfahren: Die vernichtende brutale Gewalt kann besiegt werden durch vermeintlich Schwache!

Frauen, Männer und Kinder entdecken ihre Talente und Stärken! Sie gewinnen Lebensmut und teilen mit anderen, die noch nicht so viel gefunden haben. Die am Rande Stehenden, die erst noch die Sprache lernen müssen, um sich zu verständigen, sie werden zu Mutmacher*innen und zu Engagierten für die Gerechtigkeit!

Was für ein wunderbares Ereignis! Hoffnung auf neues Leben wird geboren, wo vorher Not und Verzweiflung war! Immer da, wo ein solcher Mensch sein Leben für andere öffnet, geht der Himmel auf! Da bekommt die Dunkelheit Löcher – Öffnungen des Lichtes!

Ja, es ist schon so viel offen! Das lässt hoffen!

Und nun: Wie stehe ich selbst dazu in meinem konkreten eigenen Leben? Das würde ich gern als Frage in die Runde geben, wenn wir uns räumlich treffen könnten. Die eigenen Belastungen können einen ja auch ganz schön einengen und die Luft zum Atmen nehmen.

Vielleicht darf ich es Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung sagen - ich treffe eine Entscheidung in solchen Situationen: Weiter so im Wirren und Dunklen oder Leben und Neuaufbruch? Glaube ich an das Gute in der Welt? Ja oder nein? Ich entscheide mich für JA!

Auch angesichts der anfangs erwähnten Negativliste treffe ich diese Entscheidung: Ja, ich glaube, dass das Gute und das Schöne in der Welt da ist und Kraft zu Gestaltung und Hoffnung hat! Ich suche bewusst das, was schön ist. Damit meine ich nicht eine Stimmungs-Deko, sondern die leise Spur Gottes in der Welt! Sie dröhnt nicht, lullt auch nicht ein, sondern öffnet! Weniger kann da mehr sein! Lieber nur eine Kerze und einen grünen Zweig als ein Lichtermeer. Lieber mal rausgehen, atmen, mit allen Sinnen da sein, die Welt mit den neuen Augen eines Kindes anschauen und entdecken! Wahrnehmen: Was lässt mich frei atmen, an welcher Ecke trifft mich ganz unvermutet die leise Stimme Gottes …

Gott ist voller Überraschungen! Er liebt es, uns unvermutet zu überraschen!

Es ist mein intensiver Weihnachts-Wunsch für Sie: Erleben Sie Weihnachten mal einfach neu: offen und hoffend! Es muss nicht immer so sein wie immer!

Bleiben wir auch im neuen Jahr, was es auch bringen mag, „in via“ – auf dem Weg! Lassen wir uns ein auf das unglaubliche Ereignis, das wir an Weihnachten feiern: Gott ist MENSCH geworden mit uns!

ES IST SCHON SO VIEL OFFEN – DAS LÄSST HOFFEN!

In diesem Sinne ein gesegnetes Weihnachtsfest! Mut und Vertrauen für 2022!

Ihre Sr. Elisabeth